286--Das Ich - ganz viel und ganz lang
Am liebsten begegnen wir Martin Liebscher ja zu zweit. Seit 1991 pflegt
der Städel-Absolvent mit seinem Kollegen Marko Lehanka aufzutreten,
bislang wurden unter dem Label Liebscher-Lehanka so weltruhmverdächtige
Projekte wie ein Detektivbüro, eine Kindertagesstätte, eine Kreuzfahrtlinie
und die furchterregende Liebscher-Lehanka Kampfmacht lanciert. Derzeit dokumentiert
ein Sonderheft der ROGUE, das "Liebscher-Lehanka in Langenhagen"
gewidmet ist und allerlei Niederschmetterndes aus Niedersachsen ans Licht
der Öffentlichkeit bringt, die Ruhmestaten der beiden Kulturschaffenden.
Daneben gibt es aber auch Liebscher solo, Fotostudio Liebscher sozusagen,
von dem wir in jüngster Zeit vor allem launisch-verzerrte Panoramafotos
zu sehen bekamen. Vielleicht, weil sich eine halbe Künstlergruppe alleine
doppelt einsam fühlt, vielleicht, weil multiple Persönlichkeiten
derz eit so sehr in Mode sind, hat sich Martin Liebscher jetzt deutlich
vermehrt. Sein neuestes Fotoprojekt nämlich strebt nach Superlativen,
um die sich sonst wohl eher Genlabors bemühen. "Rekordversuch:
Das längste Gruppenfoto der Welt" zeigt ein Endlospanorama Frankfurter
Innen- und Aussenräume, die allüberall von einer Hauptfigur bevölkert
sind: dem Künstler selbst, beziehungsweise seinen Klonen, die in kleinen
Gruppen durch die Strassen schlendern, sich in trauter Runde um den Küchentisch
versammeln oder locker bekleidet auf Kissen und Betten räkeln. Ich
ist also viele, frei digitalisiert nach Herrn Rimbaud. Da sei dem Datendandy
denn doch ein bisschen Vorsicht angeraten: Was oft kopiert wird, kann allzu
schnell auch mal im Papierkorb landen.
| Verena Kuni |