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Visurbia
Martin Liebscher / Rut Blees Luxemburg
Wunderhornverlag 2000
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VISURBIA- Stadt ohne Namen
Barbara Auer
english version
Bereits ein flüchtiger Blick auf die Fotografien von Rut Blees Luxemburg und
Martin Liebscher weisen mehr Unterschiedliches als Gemeinsames
auf, obwohl sich beide Künstler dem urbanen Raum - London und Tokio - als Schauplatz
ihrer fotografischen Darstellung verschrieben haben. Zwei fotografische Positionen
treten hier in einen Dialog, denen trotz offensichtlicher Differenz eine subjektiv
geprägte Handschrift gemeinsam ist. Beide Fotografen sind nicht auf der Suche
nach einem spezifisch britischen oder japanischen Ambiente. Vielmehr verweigern sie
einen dokumentarischen oder auf Sehenswürdigkeiten gerichteten Blick und machen
damit eine topografische Zuordnung der Gebäude, Straßen und Plätze
nahezu unmöglich. Die jeweilige fotografische Aneignung der Städte verdichtet
sich zur persönlichen Interpretation, die den Mythos Großstadt immer wieder
neu beschwört. Konzentriert sich Rut Blees Luxemburgs Blick fast ausschließlich
auf ihre Wahlheimat London, wo sie seit zehn Jahren lebt und arbeitet, so ist bei
Martin Liebscher die Metropole Tokio nur eine unter vielen Großstädten
- wie Frankfurt, Berlin, New York, Los Angeles, Hongkong - die er in den letzten
fünf Jahren bereist und fotografiert hat.
Kein Stadtteil Londons ist Rut Blees Luxemburg so vertraut wie das Eastend, wo
sie über Jahre hinweg den strukturellen Wandel des unattraktiven Viertels im
Zentrum der Hauptstadt selbst miterlebt hat. Bot das Eastend einst billigen Wohn-
und Arbeitsraum und war die Keimzelle der international Aufsehen erregenden Bewegung
»Junge britische Kunst«, verdrängen dort jüngst begonnene Sanierungsmaßnahmen
und Neubauten zunehmend die alten Bewohner.
Nachts, wenn für wenige Stunden das pulsierende Leben zum Stillstand gekommen
scheint und die Großstadt in einen kurzen Schlaf fällt, begibt sich die
Künstlerin auf ihre Streifzüge durch das Viertel. In diesen Stunden der
Ruhe und menschenleerer Straßen zeigt sich aus unbekannter Warte eine fremdartige
Sicht auf die britische Hauptstadt. Orte, die bei Tageslicht unspektakulär,
ohne jegliche Ausstrahlung erscheinen, erhalten unter der Hand der Künstlerin
ein neues Gesicht. Während Rut Blees Luxemburg einer Gesetzlichkeit des Mediums
treu bleibt und im klassischen Sinne die Wirklichkeit unmanipuliert so abbildet,
wie sie sie vorfindet, legt sich über das Unscheinbare der vergessenen Gegenden
ein Schleier glühend leuchtender Farben, die im gesteigerten Kolorit das Geschehen
der Wirklichkeit entrücken. Im Sog ihrer spannungsvollen, emotionalen Kraft
taucht der Betrachter ein in eine ihm bekannte und doch unbekannte Welt.
Nachts, wenn für das menschliche Auge die Farbe zunehmend erlischt und alles
in ein gleichmachendes Grau übergeht, macht sich die Künstlerin mit ihrer
5x4-Kamera ausgerüstet an die Arbeit. Das Motiv steht schon lange fest, die
Vorstudien dazu sind mit einer Kleinbildkamera bereits gemacht, die Lichtverhältnisse
vor Ort, die ihr allein zur Ausleuchtung dienen, genau erkundet. Jetzt gilt es nur
noch die richtige Witterung abzuwarten, um das Bild auf lichtempfindliches Zelluloid
zu fixieren. Extrem lange Belichtungszeiten führen zur charakteristischen Farbpalette
der in Detail- und Tiefenschärfe brillanten nächtlichen Szenerien. Zwischen
den Polen eines extrem hellen, fast weißlichen Lichts und dunkel gefärbter
Zonen großflächiger Horizonte oder tiefschwarzer Schlagschatten changieren
die Farben Gelb, Rot und Grün als strahlend oder matt schimmerndes Gold, leuchtendes
Ocker oder glimmendes Orange; glühendes Rot tritt in Kontrast zu fahlem, grellem
oder tiefdunklem Grün. Nur spärlich findet sich Blau: In »Cruise
Control« schießt das Blaulicht eines Polizeiautos zum Laserstrahl geronnen
- parallel zu einer orangeroten Lineatur - wie ein Pfeil durch eine Brücken-
und Straßenlandschaft (Abb.S.7). Ein grell blauer Spot beleuchtet in »Orpheus,
Nachtspaziergang« das Innere einer spaltbreit geöffneten, auf einer Straße
installierten WC-Kabine. Ummantelt von einer bronzen schimmernden Architektur offenbart
sich der Ort der Notdurft, im kalten türkisblauen Licht, als geheimnisvoller
Blick in die Tiefen der »Unterwelt« (Abb.S.15).
Zwei Werkgruppen, »London - A Modern Project« und »Liebeslied«,
sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden. Die fotografische Vorgehensweise
geht über das Sichtbarmachen einer bloßen Erscheinung hinaus und vermittelt
in der Schönheit und Strahlkraft der Farben und dem gleichsam dahinter lauernden
latent Unheimlichen der Szenerien ein physisches und psychisches Erleben des urbanen
Raums. Im Vordergrund der Arbeit zu »London - a modern project« steht
eine subtile Analyse einer allseits bekannten und das Bild vieler Städte prägenden
monotonen Architektur, die schonungslos als das Erbe der Moderne vorgeführt
wird. Waren einst die Avantgardisten des Bauhauses, die russischen Utopisten für
ein humaneres Leben in den Städten angetreten, so wird die Architektur heute
in ihrem einheitlichen Stil stereotyper Hochhäuser, anonymer Betonfassaden und
trostloser Parkhäuser zur puren Zweckmäßigkeit degradiert. Der Name
des Bildes »Caliban Towers«, so benannte die Londoner Verwaltung offiziell
ein Hochhaus im Eastend, entstammt Shakespeares Drama »Der Sturm«. In
Analogie zur tragischen Figur des Caliban, der im Anblick seines Spiegelbildes seine
Hässlichkeit erkennt, begründen sich die Rolle der Künstlerin und
ihr fotografisches Konzept. Mit ironischem Unterton - vielfach auch in den Bildtiteln
angedeutet - reflektiert die Künstlerin die Ambivalenz einer schäbigen,
heruntergekommenen Architektur, der sie dennoch im nächtlichen Glanz des Lichts
Schönheit und Würde verleiht. Ihre Bilder umkreisen das Schöne und
Hässliche und unterlaufen in der Doppelbödigkeit der Aussage die sublime
Kritik, indem sie den vergessenen Orten ihre Reverenz erweist.
Der in der ersten Werkgruppe eingehaltene distanzierte Blick wird in dem jüngst
abgeschlossenen Zyklus »Liebeslied« aufgegeben. Die Architektur als Ganzes
tritt zurück. Die Künstlerin dringt nun mehr in die Stadt ein, fokussiert
im ausschnitthaften Detail den Blick auf weniges: Auf einer mattgold schimmernden
Fassade umspielt der wild verzweigte Schatten eines Baumes ein von gleißendem
Licht durchflutetes Fenster (Abb. S.17); ein leuchtend roter, zum Betrachter hin
geöffneter Stahlcontainer - sparsam ausgestattet mit einem gedeckten Tisch und
Stuhl rückt kulissenhaft ins Zentrum des Geschehens (Abb. S.11). Die dramatisch
inszenierten Bühnenbilder scheinen nur darauf zu warten, dass das Spiel jeden
Augenblick beginnt - doch das findet allein in den Köpfen der Betrachter statt.
1952 fotografierte Otto Steinert - der Begründer der »subjektiven Fotografie«
- nachts in Paris die Straßenlampen auf der Place de la Concorde zusammen mit
dem Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos, indem er sich selbst während der
Belichtungszeit mit der Kamera bewegte. Das fotografische Experiment - ein sog. Luminogramm
- zeigt im rhythmischen Gleichklang weiße, wellenförmige Linienbündel
auf schwarzem Grund. Wenn man nun heute, fast fünfzig Jahre später, die
Arbeiten von Martin Liebseher betrachtet, ist man im Computerzeitalter und dessen
grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung geneigt, voreilig dessen
eigenwillig verwischte und verzerrte Bilder unter diesem Vorzeichen zu subsumieren.
Doch weit gefehlt. Das fotografische Verfahren Martin Liebschers ist dem Otto Steinerts
sehr verwandt. Die schwungvolle, wellenförmige Lineatur zeichnet ebenfalls die
Bewegung des Künstlers während der Belichtungszeit nach. Dass sich das
ganze Bildgeschehen jedoch hier auf bis zu neun Meter lange Panoramen ausdehnt, erklärt
sich durch ein von Liebscher entwickeltes zusätzliches technisches Detail. Die
Kleinbildkamera wurde von ihm so umgebaut, dass er den Film während der Belichtungszeit
weitertransportieren kann. Definiert sich der Bildraum bei Steinert, wie in der Fotografie
üblich, über eine auf dem Film vorgegebene Bildeinheit, erstreckt sich
hier das Geschehen über neun bis zwölf Abschnitte.
Wer Martin Liebscher einmal auf seinen fotografischen Reisen begleitet hat, ist überrascht
von seiner unspektakulären Art des Fotografierens. Der ganze Vorgang spielt
sich in Sekundenschnelle ab: die Kamera wird gezückt, ein kurzer Blick auf den
Belichtungsmesser, die Blende eingestellt und dann der Apparat mit ausgestrecktem
Arm im schwungvollen Auf und Ab über einen bestimmten Radius bewegt - Menschen
in seiner Nähe werden dabei oft Teil des Bildes, wobei diese meist den fotografischen
Vorgang als solchen überhaupt nicht registrieren.
meiste vom Zufall gelenkt. Er kann ein Bild zerstören oder aber gerade bildwürdig
machen. Wenn Martin Liebscher seine Kamera als einen »Dinosaurier« bezeichnet,
meint er damit die technisch äußerst primitive - also mit wenig »Gehirn«
ausgestattete - Kamera. Das ausgewählte Motiv ist quasi nur ein Angebot des
Künstlers an den Apparat, was dieser auf dem bewegten Rundflug tatsächlich
aufzeichnet, darauf hat er keinen Einfluss. Jeglichen technischen Fetischismus ignorierend,
liegt für Liebscher gerade im unkalkulierbaren und spielerischen Moment der
Reiz der Methode. Dabei ist die Ausbeute sehr gering; nur ein verschwindend geringer
Prozentsatz gelangt zum Vergrößern ins Labor.
Wie eingangs erwähnt reist Martin Liebscher mit kurzen Unterbrechungen um die
Welt; im vergangenem Jahr hielt er sich u.a. für sechs Wochen in Tokio auf.
Tokio ist mit über acht Millionen Einwohnern eine der größten Städte
der Welt. Die Megametropole bildet das Zentrum eines Ballungsraums, der im Radius
von fünfzig Kilometern im Ganzen 32 Millionen Einwohner umfasst. Hier kulminiert
auf dicht gedrängtem Raum die Großstadt zum Giganten des 21. Jahrhunderts.
Tokio verändert sich unablässig, nichts steht hier still, nirgendwo ist
die Dynamik der Zeit, die in eiligen Schritten das Tempo der Stadt bestimmt, so präsent
wie an diesem Ort.
Im Strudel der fiebrigen Hektik lässt Liebscher seine Kamera entlang der von
Menschenströmen bevölkerten Straßen, U-Bahnstationen und Gebäudefassaden
gleiten. Im steten Wechsel von Nah und Fern durchdringen sich die Bildebenen, zerfließen
die einst klaren Konturen funktionaler Architektur und mutieren in z.T. extremen
Schieflagen zu organisch gedrungenen Gehäusen. Im matt hellen Tageslicht oder
vor dem nächtlichen Himmel bilden sie weiträumige Szenarien utopisch futuristischer
Stadtlandschaften. Das Auge tut sich schwer, im dahinziehenden Strom von Form und
Farbe Fixpunkte zu finden, die, kurz Gegenständliches preisgebend, sich abrupt
wieder in abstrakt malerische Bildabschnitte verkehren. Im Chaos der verschachtelten
Räume wölben sich die Gebäude und Menschen ausladend dem Betrachter
entgegen, um gleich darauf in die Tiefen der Straßenschluchten gestoßen
zu werden. Das ordnende Element eines zentralperspektivischen Raumes ist hier völlig
abhanden gekommen, im hierarchielosen Nebeneinander reiht sich das Geschehen aneinander,
ohne dabei eine eindeutige Leserichtung vorzugeben. Der Betrachter folgt den Kurven
und Windungen des Bilderstroms und er erfährt, wie sich Zeit - normalerweise
mit Messgeräten erfassbar und sichtbar gemacht - hier als räumliche Dehnung
visualisiert. Angesichts der vier Millionen Menschen, die allein täglich die
U-Bahnstation Shinjuku Station passieren, gerinnt das Bild »Station«
zum flüchtigen Bruchstück von Wirklichkeit (Abb. S. X/XI). Aus der Bewegung
eines niemais endenden Menschenstroms wird ein kurzes Zeitintervall von 20 bis 25
Sekunden auf neun Metern Länge extrahiert. Im monotonen Gleichklang der Bewegung
scheinen die Passanten im schnellen heftigen Stakkato vertikaler, von Licht durchdrungener
Linien mit der Bahnhofskulisse zu verschmelzen. Dagegen erfährt man in der szenischen
Abfolge bei »Shinjuku Station« eine gewisse Dramatik, wenn die Personen
am linken Bildrand, im Strudel der Zebrastreifen winzig klein, schrittweise größer
werden, bis sie als Nahansicht die gesamte Bildhöhe einnehmen (Abb.S.VIII/IX).
Stahl, Glas, Beton haben sich in Spiele des Lichts und der Linien aufgelöst.
Zwischen horizontal oder vertikal fließenden Farb
und Lichtkompositionen erscheinen schemenhaft die Menschen im sanften Tageslicht
oder nächtlichen Zauber der Leuchtreklame: hier in einem. vorbeifahrenden Zug
die Silhouette einer Frau; für Sekunden trifft sich ein Blick, ein Lächeln?
ein kleines Signal? - es ist die Poesie des Augenblicks, oder wie der-englische Essayist
Malcolm Muggeridge in seiner Autobiografie schrieb: »There is nothing like
a face in a sea of faces.« |
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