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Full
House
Wohnmaschine Berlin
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4.12.2003 - 17.1.2004
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Tagesspiegel Berlin - Kultur
14.12.2003
Alles muss man selber machen
Massenszenen für eine Welt ohne Massen: Der Künstler und Rollenerfinder
Martin Liebscher inszeniert sich als hundertfacher Einzelgänger
Von Kai Müller
Die Vorstellung, dass es uns zweimal geben könnte, hat etwas Beängstigendes.
Noch, heißt es, sei die Genforschung nicht soweit, identische Menschenklone
herzustellen. Aber schon der Gedanke daran, dass es Wesen von derselben Statur, mit
denselben schlechten Angewohnheiten und demselben biologischen Schicksal geben könnte,
bereitet uns Unbehagen. Dabei birgt es die schönste Omnipräsenz-Fantasie.
Seien es Filme wie „Matrix“, das Werbeplakat für ein Arzneimittel oder die Video-Clips
von Popstars wie Aphex Twin, Robbie
Williams und George Michael –
es ist in Mode gekommen, sich als digitaler Wiedergänger seiner selbst zu inszenieren.
„Als die Schose mit den Verdopplungen in den letzten Jahren hochkam“, sagt Martin
Liebscher. „dachte ich, jetzt habe ich das verpasst.“ Während sich das Morphing
als ästhetischer Effekt kommerziell durchsetzt, reagiert die Kunstszene reserviert
auf die wundersame Ich-Vermehrung, die der Wahlberliner seit Mitte der Neunziger
auf immer opulenteren Panoramabildern betreibt. Tatsächlich sieht der gebürtige
Naumburger auch eher wie ein Anti-Held aus. Schütteres, kurzes Haar, struppiger
Kinnbart, dunkel umrandete Augen. Der Kopf, vornüber geneigt, drückt seine
Schultern in die Tiefe. Kurz: Nicht gerade der Typ Selbstdarsteller, dem eine narzistische
Ich-Fixierung ins Gesicht geschrieben steht. Trotzdem ist der 39-Jährige sein
eigenes role model. Ob Konferenzräume, Spielsäle, Fernsehredaktionen, Bars,
Galerien oder sein Atelier: Der 39-Jährige setzt sein Alter ego in absurden
Massenstudien für eine Welt in Szene, die die Masse aus ihrem Bewusstsein verbannt
hat.
Am weitesten hat er dieses Prinzip des Selbstporträts in zwei Arbeiten getrieben,
die jetzt in der Galerie Wohnmaschine zu sehen sind. Das eine, „Casino Intercontinental“,
stellt die überspannte Ausgelassenheit einer Zockerrunde nach. Das andere, „Deutsche Börse“, spielt auf dem Frankfurter Parkett. Mit großem Humor
und viel Verständnis für die Hektik und Dramatik des Wertpapierhandels
fängt Liebscher ein Kaleidoskop menschlicher Regungen ein. Da winden sich Händler
unter Schmerzen auf dem Boden, debattieren aufgeregt oder verkrallen sich in absurder
Verrenkung am Mobiliar. „Wenn man sich ein Bild vom Kapitalismus macht“, sagt Liebscher,
„dann endet man in diesem Raum.“
Es ist bezeichnend für den ironischen Ansatz des Künstlers, dass er nicht
von einer Suche spricht. Er will nicht demaskieren und hinter Fassaden blicken. Auch
nutzt er den Verdopplungseffekt nicht, um Identitätsfragen zu stellen. Liebscher
ist ein Spieler. Nicht nur ein Schauspieler und Rollenerfinder, sondern auch ein
Perspektiven-Jongleur. Wie im Kubismus, wo sich die Gegenstände aufgefaltet
zeigen, verzerrt, spiegelt und erfindet er die Realität als absurdes Performance-Mosaik.
So zeigt das aus 550 Einzelaufnahmen entstandene Börsen-Panorama einen Ort,
den es gar nicht gibt. Er existiert nur als Traum-Theater, in dem die Figuren wie
Gespenster einer multiplen Fantasie ein rätselhaftes Eigenleben führen.
Schon als Studienanfänger ging Liebscher an der Frankfurter Städelschule
dem hohen Ernst der Kunst verloren. Sein erster Dozent hieß Martin Kippenberger.
Die Klasse erstellte eine Mappe mit Holzschnitten, die auch prompt verkauft wurden.
„Jeder Student bekam 1000 Mark mit der Auflage, 500 davon in die Spielbank zu tragen.
Wer am meisten gewann, wurde mit einer Ausstellung belohnt“, erinnert er sich. Seine
Ich-Versionen nehmen denn auch ein Motiv Kippenbergers auf. Der hatte sich kurz vor
seinem Tod in der Pose des Schiffbrüchigen gemalt und dabei Gericaults „Floß
der Medusa“ als Figuren-Vorlage einverleibt.
Mit der Kunstgeschichte hat Martin Liebscher sich nie „richtig“ beschäftigt,
sagt er. Als er 1994 zum ersten Mal sein Ich per Bildmontage duplizierte, war
das nicht mehr als ein Jux. Später fotografierte er sich im Death Valley und
in amerikanischen Vergnügungsparks und hielt solche „Familienbilder“ für eine besonders
raffinierte Art, Urlaubsfotos interessanter zu machen. Zumal Marcel Duchamps
etwas ähnliches mit den Mitteln der Fotomontage bereits 1917 durchexerziert
hatte. Ein französischer Foto- Pionier namens Verotier ließ
seinen Apparat sogar 1873 über den Dächern von Paris um die eigene Achse
rotieren und stellte sich immer wieder ins Bild, so dass er mehrfach zu sehen ist..
Im Grunde ist Liebscher ein Traditionalist. Nicht nur nimmt er jede Pose mit Selbstauslöser
am Originalschauplatz auf (die Fotos werden nachher am Computer ineinander geschnitten),
er erschüttert auch unsere Hoffnung auf Einmaligkeit nur, um sie wieder herzustellen.
Denn seine Gruppenbilder sind Individuationsmanifeste. Sie sagen: Ich ist ein anderer,
und noch einer.
„Full
House“, bis 17. Januar, Wohnmaschine
(Tucholskystr. 35, Mitte), Di-Sa 11-14 Uhr. |
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