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PHOTONEWS n° 6
Juni 2003
centerfold
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Text von Anna Gripp
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Digitaler Bildtechnik sei Dank begegnet man in der
aktuellen Fotografie immer häufiger multiplen Persönlichkeiten. Oft sind
es die Künstler selbst, die sich auf diese Weise vervielfältigen. Der New
Yorker Anthony Goicolea zeigt sich als narzistischer Jugendlicher mehrfach in seinen
Fotografien, die Norwegerin Vibeke Tandberg begegnet in "Living Together"
stets ihrem eigenen Zwilling. Aber keiner treibt es so wild wie der 1964 in Naumburg
geborene Martin Liebscher. Er tritt nach anfänglich drei Positionen (in "Musterhäuschen", 1993) mittlerweile gleich dutzendfach in seinen Bildern
auf, übernimmt sämtliche Rollen einer Szene und das in allen denkbaren
Variationen.
Aufsehen erregte 1997 in Frankfurt am Main sein Weltrekord "Das längste Gruppenfoto der Welt"
(0,3 x 37 Meter) für das Martin Liebscher erstmals eine digitale Kamera einsetzte.
Ein seinerzeit noch behäbiges Modell (Apple Quicktake) mit geringer Auflösung,
so dass er fortan erst mal wieder klassisch analog fotografierte, Aufnahmen anschließend
einscannte und am Computer zusammensetzte. Seit 2002 nimmt er seine Bilder digital
auf, eine deutliche Erleichterung angesichts 300-400 Einzelaufnahmen pro Bild bei
den hier gezeigten Arbeiten. Martin Liebscher ist bei seinen "Familienbildern"
(seit 1995) stets sein eigenes Modell, zunächst einmal "in dem Sinne, dass
es mit keinem anderen geht" (M.L.). Konkret heißt das, 1-2 Stunden konzentrierte
Arbeit in einem Raum, alleine, mit Selbstauslöser und verschiedenen Kamerapositionen.
Gerade weil vieles spontan entsteht und mit einem Hang zum Absurden ist es für
Martin Liebscher wichtig, auf sich gestellt zu sein. 3-4 Wochen dauert anschließend
die Bildmontage am Computer, das ist vergleichsweise schnell, wenn man bedenkt, dass
er ein 3/4 Jahr an seinem "Weltrekord" gearbeitet hat.
Je länger man auf Liebschers "Familienbilder" blickt, desto mehr geraten
diese in Bewegung. In ungeheurem Tempo mutiert der Künstler vom Kneipenbesucher
zum Biertrinker an der Theke zum Billiardspieler, zum Rockstar und zu dessen Fan
(zuweilen mit Kamera). Ein filmisches Tempo, das auch bestimmend ist für seine
Werkgruppe "Panorama". Mit modifizierter Kleinbildkamera hat Martin Liebscher
hierfür in der Bewegung und mit offener Blende einen gesamten Filmstreifen lang
Metropolen fotografiert - entstanden sind chaotisch verschachtelte Bilder, die auf
ganz eigene Weise die Hektik von Großstädten vermitteln.
Die Bilderwelt des Martin Liebscher ist spektakulär und humorvoll - eine Ausnahme
in der zeitgenössischen Fotokunstszene. Dennoch sind seine Arbeiten voller Hintersinn.
Sie können als ironischer Kommentar zur angeblichen Authentizität von Fotografien
verstanden werden, eignen sich trefflich als Gedankenanstöße zur aktuellen
Debatte über das Klonen sowie die Rolle des Individuums und sind letztlich auch
Selbstportraits im Sinne einer Hinterfragung der eigenen Identität.
Dass all dies mit beeindruckender Leichtigkeit daherkommt, hat sicher auch damit
zu tun, dass Martin Liebscher seine "Familien" in Alltagsszenen zeigt und
dabei zwischendurch auf den Tischen tanzt. Das erleichtert den Zugang und hat nichts
gemein mit einer bedeutungsschwangeren künstlerischen Pose, die sich selbst
allzu wichtig nimmt. |
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