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Ulrike Lehmann
Der erfundene Zwilling
UND DER ABSCHIED VOM INDIVIDUUM ALS SINGULÄREM
SELBST
TRANSGENE KUNST
-> Abschnitt
Martin Liebscher
1. Die Gentechnologie und das Klonen
Als der schottische Forscher Ian Wilmut 1997 das
aus einer erwachsenen Körperzelle erzeugte Klon-Schaf Dolly präsentierte,
war das für viele ein Schock und zugleich eine Überraschung. Schnell wurde
die Frage gestellt: Kann man auch Menschen aus ausgereiften Körperzellen genetisch
identisch vermehren? Der Chicagoer Reproduktionsexperte Richard G. Seed will jedenfalls
bald erstmals Menschen klonen - und in die Geschichte eingehen. Als erstes Land der
Welt hat nun Großbritannien für diesen wissenschaftlichen Schritt bereits
grünes Licht gegeben und das Klonen menschlicher Embryos für medizinische
und therapeutische Zwecke zugelassen.
Klonen bedeutet, einen Menschen zu reproduzieren
und damit einen künstlichen Zwilling oder gar mehrere Doubles zu erzeugen. Die
Einmaligkeit einer Person, das Individuum und die Vorstellung der Einzigartigkeit
eines Menschen wird durch die Verdoppelung oder Vervielfachung obsolet. Vor allem
an diesem Punkt wird das Klonen auf kritische Weise moralisch, ethisch, theologisch
und psychologisch hinterfragt. Und es mehren sich die ernsthaften Befürchtungen,
dass ein Mensch nicht nur gedoppelt werden, sondern auch nach spezifischen Vorstellungen
und Wünschen geschaffen werden kann. In Bezug auf die Bibel sagte Richard G.
Seed in einem Interview: "Gott hat den Menschen nach seinem
Ebenbild erschaffen. Gott hat beabsichtigt, dass die Menschen eins werden mit Gott.
Klonen und die Neuprogrammierung der Erbsub stanz sind der erste ernsthafte Schritt,
mit Gott eins zu werden. Menschen sind immer mehr dabei, Leben zu kontrollieren.
Das ganze Leben. Jeden Aspekt des Lebens. Wenn es nützlich sein sollte, am Ende
meines Fingers ein Auge zu haben, damit ich besser unter den Stuhl schauen kann,
soll es möglich sein. In 300 Jahren. Und wenn ich dafür nicht meine Hand
verschwenden möchte, habe ich vielleicht so etwas wie einen Affenschwanz, damit
kann ich überall hinschauen, wo ich will. Der Markt wird das entscheiden. In
500 Jahren können Menschen auch entscheiden, anders auszusehen als heute. Wenn
wir über Klonen reden, ist das nicht das Ende, es ist erst der Anfang. Wer weiß,
wo es enden wird?"1
Eine Vorahnung zum Prozedere der Verwirklichung
idealer Menschenbilder kann man auf der Internetseite http://www.d-b.net/dti/ erhalten.
Berühmte Persönlichkeiten wie Schauspieler, Musiker und Politiker werden
hier von der Vermittlungsfirma "Dreamtechnology" als genetische Ware angeboten
und auf verschiedenen Seiten feilgeboten. In einem Fragebogen kann man sich seinen
Wunschmenschen nach eigenen Vorstellungen mixen, doubeln lassen und bestellen. Auch
die Kosten für dieses Verfahren werden selbstverständlich angegeben. Was
hier jedoch mit ernsthafter Mine präsentiert wird, ist in Wirklichkeit ein "fake",
die mimetische Vortäuschung einer nur scheinbaren Realität - zum Glück,
kann man da nur sagen. Diese Seiten wurden als Anti-Kloning-Kampagne geschaffen,
um den Nutzern zu zeigen, wie es sein würde und sie so gleich in die Aufklärungsfalle
zu locken.
2. Die digitale Bildmanipulation
Doch die Frage, wie ein geklonter Mensch in Zukunft
aussehen könnte, ob als Double, als erfundenes Mehrlingswesen oder als Frankenstein-Monster,
haben bereits einige Künstler in ihren Fotografien und Videos prognostiziert
und visualisiert mit den Mitteln der digitalen Bildmanipulation.
Erstaunlich ist, dass - parallel zur gentechnologischen
Entwicklung - neu entwickelte Softwareprogramme zur digitalen Bildmanipulation auf
den Markt kamen, die nicht nur von Werbedesignern, Filmemachern und Fernsehstudios,
sondern auch von Künstlern sofort aufgegriffen und für ihre Zwecke eingesetzt
wurden.
"Vier lieben dich" (Originaltitel "Multiplicity")
ist eine amerikanische Vervielfältigungskomödie von Harold Ramis ("Und
täglich grüßt das Murmeltier"), die am 31.10.96, also etwa ein
halbes Jahr vor Dollys Geburt, in die deutschen Kinos kam: Baufirma, Familie, Golf
­ was zu viel ist, ist zu viel! Der überlastete Familienvater Doug (Michael
Keaton) willigt in ein Gen-Experiment ein, um endlich alle Aufgaben zu meistern.
Und sofort gibt es zwei Dougs! Sein Klon bewährt sich als perfektes Arbeitstier,
nun fehlt noch jemand für die Hausarbeit. So wird kurzerhand Doug drei geschaffen.
Bald darauf folgt Nummer vier - aber der misslingt. Und langsam schöpfen Ehefrau
Laura (Andie MacDowell) und die Kinder Verdacht...
Dieser Film sollte nicht der einzige bleiben, der
das immer beliebter werdende Thema "Vervielfältigung von Menschen durch
Klonen" transportiert. Der 1999 in den USA produzierte Film "Being John
Malkovich" (Regie: Spike Jonze), der am 4.5.2000 seinen deutschen Kinostart
hatte und auf dem Filmplakat bereits mit den hundertfachen Klones eines Menschen
geworben wurde, zeigt die Faszination und scheinbare Möglichkeit, sich als Doppelgänger
einer anderen Person durchs Leben zu lavieren. Dank seiner ausgeprägten Fähigkeit,
Marionetten zu führen, gelingt es dem Marionettenspieler Craig Schwarz, sich
in den Kopf von John Malkovich dauerhaft einzunisten und dessen körperliche
Ausstrahlung als auch seinen Bekanntheitsgrad den eigenen Zwecken dienlich zu machen.
Für kurze Zeit John Malkovich sein, die Welt mit den Augen eines anderen sehen,
anders riechen, fühlen, schmecken, sich sozusagen einen Totalausstieg vom Ich
zu gönnen, die totale Vernetzung aller Sinne mit denen eines anderen und das
ohne Nebenwirkung, wurde für Craig Schwarz ein erfüllter Wunschtraum -
zumindest in diesem Film.
Angesichts dieser seit etwa Mitte
der 90er Jahre entstandenen Bilder, in denen Menschen, Tiere und andere natürliche
Lebewesen, aber auch Landschaften, Architektur und Alltagsgegenstände künstlich
erzeugt oder digital verändert wurden, stellt sich die Frage nach der Rolle
des Künstlers neu. Wurde der Künstler bisher, vor allem im 19. Jahrhundert,
als Schöpfer und Kreator einer anderen visuellen, nämlich der Bilderwelt
gesehen, übernimmt der Künstler, der mit digitalen Medien arbeitet, heute
die Rolle des Schöpfers einer zweiten Natur.2
Dass der Film, die Fotografie und Videokunst keine
authentische Wiedergaben der Wirklichkeit mehr sind, wie viele heute noch zu glauben
vermögen, ist eine Tatsache, die bereits vor Jahrzehnten immer wieder belegt
und diskutiert wurde. Wie Hubertus von Amelunxen in seinem Text über die Fotografie
nach der Fotografie konstatierte, ist die Geschichte der Fotografie eine Geschichte
gefälschter Zeugnisse: "Durch Fotografie entstehen neue Bilder - nicht
nach der Natur, nicht nach der Malerei, nicht nach der Fotografie,
sondern nach den technischen und prozessualen Möglichkeiten".
Heute wird vor allem der Computer eingesetzt, um
Fiktionen zu erzeugen. Völlig neue Welten können hierin entstehen oder
durch Überblendungen verschiedene filmische oder fotografierte Szenen mühelos
ineinander kopiert werden, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Durch
Simulation, Virtual Reality und Cyberspace entstehen heute neue Wirklichkeiten, die
man hyperreal nennt. Mit diesen Mitteln verführt die Werbung seit längerem,
und auch das Fernsehen und das Kino spielen mit Fiktionen.
Wir sehen uns heute mit Bildern konfrontiert, deren
Wahrheitsgehalt stets aufs Neue überprüft werden muss, um nicht in die
Bilderfallen zu fallen. Gerade weil wir in Bildern denken und Informationen über
Bilder vermittelt bekommen, sind wir bestrebt, uns von der Welt ein ordnendes Bild
zu machen, das wir für wahr halten. Doch die Lügen der modernen Bilder,
die uns durch gezielte Manipulationen heute ein X für ein U vormachen wollen,
zwingt uns zu verschärfter Wahrnehmungsgabe.
Gerade weil wir durch die Wahrnehmung von manipulierten
Bildern auf eben jene Manipulationen geeicht sind, fällt es uns zunächst
schwer zu glauben, dass die Schwarzweiß-Fotos von eineiigen Zwillingen der
Amerikanerin Lynn Davis (geb. 1944) oder die Farbfotos ebensolcher Zwillinge von
Albrecht Tübke (der sie 2001 auf der art cologne in der Förderkoje der
Dogenhaus Galerie ausstellte), tatsächlich reale Abbilder und nicht aus dem
Computer entsprungen sind. Tübke interessiert sich bei dieser Serie, die bis
Ende 2002 wirkliche Zwillinge fertigstellen will, für die scheinbar gleiche
Identität von zwei Menschen und ihr Verhältnis untereinander, das hier
unzertrennlich ist und dort in Feindschaft ausartet. Die Nuancen der Unterschiedlichkeit
werden jedoch durch Tübkes wie auch Davis Fotografie sichtbar.
Mehr und mehr regen die Möglichkeiten und Auswirkungen
der heutigen Gentechnologie die Künstler dazu an, selbst mit Hilfe des Computers
die Natur und den Menschen zu mutieren, zu verändern und zu verfremden oder
per digital-fotografischem und videotechnischem Verfahren völlig neue Kreaturen
zu erzeugen, um damit diesen umstrittenen wissenschaftlichen Fortschritt kritisch
zu beleuchten. Das Thema Zwilling, Doppelgänger, geklonter Mensch, hat heute,
gespeist durch die aktuellen Debatten um den wissenschaftlichen Fortschritt im Bereich
Gentechnologie, Hochkonjunktur.
3. Der erfundene Zwilling
Was bedeutet das Klonen eines Menschen im Bereich
der bildenden Kunst nun im Einzelfall? Welches Konzept verfolgen die Künstler
damit? Im folgenden möchte ich nun einige Bildbeispiele anführen, um das
Phänomen des erfundenen Zwillings als Thema in der Kunst zu beleuchten, Unterschiede
und Gemeinsamkeiten herauszustellen.
Lange vor der Entwicklung der Gentechnologie sind
in der Kunstgeschichte bereits zahlreiche Doppelporträts entstanden, von denen
vor allem Frida Kahlos gemaltes Bild "Die zwei Fridas" aus dem Jahr 1939
berühmt wurde.
Die zwei Fridas mit verschiedener Kleidung sitzen
auf je einem Stuhl und geben sich die Hand. Das Gemälde entstand kurz nach der
Scheidung im gleichen Jahr. Auf ihren Kleidern sitzt ein offenes Herz. Die Herzen
(Symbol ihres Liebeskummers) sind mit einer Ader hinter ihrem Rücken verbunden.
Die verstoßene und ungeliebte Frida im weißen Hochzeitskleid und mit
zerrissenem Herzen schneidet mit einer Schere auf dem Schoß die Verlängerung
der Ader ab. Blut tropft auf ihr Kleid. Die geliebte Frida mit dem gesunden Herzen
hält ein kleines Bild von Diego, dargestellt als kleiner Junge, in der Hand.
Nach der Trennung von Diego erscheint sie auf dem Gemälde als ihre eigene Gefährtin.
Zwar zeugen auch andere Selbstporträts von ihrer inneren Zerrissenheit, von
einer gespaltenen Identität, doch tritt Kahlos psychologische Problematik im
Bild "Die zwei Fridas" besonders deutlich hervor. Rivera betonte einmal:
"Ihre Bilder stellen immer ihr Leben dar: die beiden Fridas, gleichzeitig dieselbe
Person und zwei verschiedene Menschen."3 Das
Malen von Selbstporträts war für Frida Kahlo, wie sie selbst einmal sagte,
eine Art Therapie zur Selbsterhaltung und Selbstbestätigung aufgrund ihres körperlichen
Schicksals und Handicaps.
Andy Warhol multiplizierte mehrere bekannte Personen
wie Marylin Monroe, Elvis Presley oder er selbst. In seinen Fotoarbeiten und Siebdrucken
reihte er ein und dasselbe Konterfei mehrfach an- und untereinander und thematisierte
mit der rhythmisch-seriellen Wiederholung die Wirklichkeit der Fotografie in den
Medien, den multiplen Gebrauch eines Fotos in verschiedenen Presseorganen, die häufige
Wiederkehr ein und desselben Porträts einer Person, die damit zur Ikone wird.
Ein Beispiel dafür ist das Bild "Zwanzig Marylins" von 1962. Er verdeutlicht
die Alltäglichkeit des Stars und sein Fotoporträt als Massenware. Durch
die Repetition entweiht er die Einmaligkeit des Dargestellten und behandelt das multiplizierte
Konterfei wie seine Bilder über die serielle Produktion von Suppendosen. Warhols
Mehrlinge entstanden nicht vor dem Hintergrund der modernen Wissenschaft und des
Klonens, sondern im affirmativen Bezug zur industriellen Warenproduktion und Konsumwelt.
Zugleich ist es eine Antwort auf Walter Benjamins Aufsatz "Die Kunst im Zeitalter
der technischen Reproduzierbarkeit", der die Vervielfältigung der Bilder
durch Fotografie thematisiert.
Warhols multiple Marylins scheinen vorwegzunehmen,
was bald Wirklichkeit werden kann. Heute sind wir in einem Zeitalter angelangt, indem
man zum einen mit wissenschaftlichen Methoden einen Menschen vervielfachen und zum
anderen mit digitalen Mitteln Zwillinge erzeugen und auf ein Bild bannen kann.
Doch noch vor den Möglichkeiten der digitalen
Fotografie erstellte Jeff Wall 1979 ein Doppel-Selbstporträt. In einem nüchternen
Raum steht er einmal links und einmal rechts im Bild und schaut den Betrachter mit
ernster Mine an. Die beiden Männer sind verschieden gekleidet und haben eine
unterschiedliche Körperhaltung, wodurch sie wie zwei Individuen erscheinen.
Der rechte Jeff stützt sich mit seiner Hand auf einen kreisrunden Sessel, der
in der vorderen Bildmitte steht und hier zum Symbol der Einheit einer Person wird.
Das lineare Geflecht des Stuhls wiederholt sich in der gestreiften Tapete und verbindet
formal beide dargestellten Männer zu einer Person. Die eher steife Körperhaltung
der beiden führt zum Ausdruck kritischer Distanz und Kälte, Besinnlichkeit
und Nachdenklichkeit.
1992 entstand die Serie "Fictitious Portraits"
von Keith Cottingham (geb. 1965), die in digitaler Farbfotografie zwei bzw. drei
Jünglinge mit nacktem Oberkörper vor schwarzem Grund posieren. Ihre Leiber
sind vom unteren Bildrand angeschnitten. Die Nacktheit der fiktiven Zwillinge und
Drillinge macht sie noch gleicher als gleich. Cottingham verfolgt mit diesen Bildern,
von denen eins als Cover für den Katalog "Fotografie nach der Fotografie"
verwendet wurde, einen medien- und zugleich subjektkritischen Ansatz. Er
will "zwei der grundlegenden Mythen in Frage [stellen]: den Glauben an die wissenschaftliche
Objektivität von Repräsentation einerseits und den Glauben an die schöpferische
Authentizität des Subjekts andererseits."4 Die
Porträtierten sind keine realen Personen, sondern Kreaturen aus modellierten
Tonköpfen und Zeichnungen, die im Computer bearbeitet werden. So entsteht das
Foto einer multiplen, scheinbar existenten Persönlichkeit, die jedoch fiktiv
ist. Zu seinem Bildern sagt Cottingham: "Dadurch, dass ich ein
Porträt als multiple Persönlichkeit konzipiere, wird das 'Selbst' nicht
als ein Wesen präsentiert, das ein für alle Mal fest steht, sondern als
Ausdruck der ständig im Fluss befindlichen Wechselbeziehung zwischen Gesellschaftlichkeit
und eigenem Inneren. Jeder Ausdruck ist gleichzeitig eine Sicht von sich und auf
sich selbst."5 Somit werden seine Porträts zu Bildern des Menschen
an sich. Der Zwilling ist hier nicht ein zweites Individuum, sondern verweist auf
das generelle Menschenbild.
Ein jüngst entstandenes Digitalfoto des in
New York lebenden Künstlers Anthony Goicolea (geb. 1971), der sich mit Mythen
und Geschichten der Kindheit sowie mit der nicht immer angenehmen "Reise"
zum Erwachsenwerden befasst, zeigt ihn nackt in unterschiedlichen Steh- und Liegeposen,
in unterschiedlichen Charakteren, verführerisch und zugleich unbeholfen in einem
unbestimmten Raum. Goicoleas Arbeit ist bewusst auch eine Auseinandersetzung mit
dem Kloning. Er sagt in einem bislang unveröffentlichten Statement: "Through
digital manipulation, I am able to clone myself and create scenarios in which I act
out childhood incidents ... These works are simultaneously rooted in nostalgia and
science fiction. While hinting at the past and early Freudian developmental stages
of youth, they also refer to new medical and technological break throughs in fertility
drugs and gene cloning with biting cynism and humour. Taking narcissistic fantasies
one step further into the realm of the impossible and the absurd, the characters
actually interact with their mirror images."
Kirsten Geisler (geb. 1949) hat bereits 1996 einen
virtuellen Menschen nach dem Ebenbild einer realen Person erschaffen. Die zweiteilige
Video/Computeranimation "Who are you" zeigt links ein reales Frauenporträt
per Video und rechts die virtuelle Version. Beide schauen den Betrachter an. Dann
drehen sie ihre Köpfe einander zu, und die eine fragt die andere: "Who
are you?" Daraufhin wenden sie sich wieder dem Betrachter zu und beziehen ihn
somit in die Fragestellung mit ein. Die virtuelle Person scheint plötzlich real
zu werden. Beide hinterfragen ihre jeweilige Existenz des Realen und Virtuellen und
thematisieren damit die unterschiedlichen und hier fast nicht unterscheidbaren Wirklichkeiten
von Abbild, Vorbild und Ur-Bild.
In der Arbeit "Beauty" geht Geisler noch
einen Schritt weiter. Sie präsentiert das große Bild einer virtuellen
Frau als Konglomerat von Schönheitsideal und (technischer) Perfektion, mit der
der Betrachter per Mikrophon Kontakt aufnehmen kann. Die Virtuelle antwortet ihm
auf einfache Fragen, sie zeigt emotionale Regungen, kann küssen und lachen.
Durch die Perfektion des Klons wirft das virtuelle Bild uns auf unsere Menschlichkeit
zurück und weckt Fragen über unsere eigene Identität. Kirsten Geisler
thematisiert mit ihrer Arbeit die Schnittstelle zwischen Biotechnologie und Informationstechnologie.
Sie sagt: "Biotechnology gives us the perfect species and its
clones. Computer science and information technology help (wo)men to create a new
world."6
Als Erschafferin von neuen Menschengestalten schlüpft
sie als Künstlerin in die Rolle von Gott als Schöpfer. So erhält der
Begriff des Künstlers als Schöpfer und Kreator einer zweiten Natur vor
dem Hintergrund der Gentechnologie eine neue, brisante Dimension. Die Grenze zwischen
Kunst und Wissenschaft, Science und Science Fiction wird hier fließend.
Auf eine direkt anschauliche Weise wird dies deutlich
bei Mariko Mori. Sie stellt sich in ihren großformatigen und aufwendig inszenierten
Fotografien immer wieder selbst dar, zumeist in futuristischen Kostümen. Ihre
erfundenen Konterfeis multipliziert sie, um verschiedene Bewusstseinszustände,
Gesten und Haltungen simultan darzustellen, aber auch, um den Betrachter zu irritieren.
Sie thematisiert verschiedene Aspekte ihrer Person in einem bestimmten Moment. Es
geht in ihren Bildern um das Nirwana. Sie stellt zudem eine Verbindung von westlicher
und östlicher Identitäten her, sie vereint Comic und Science Fiction, Religion,
Pop und technoide Zukunftsvisionen. Mori sucht mit ihren Bildern nach neuen Visionen,
neuen Menschenbildern und nicht zuletzt thematisiert sie ihre eigene Doppelidentität
als Japanerin, die in New York lebt.
Bjørn Melhus (geb. 1966), der mit zahlreichen
Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde, arbeitet bereits seit Beginn der 90er
Jahre mit Videofilmen an der Verdoppelung seines Selbst und bezieht dabei ebenso
die Pop-Kultur ein. Es geht ihm dabei jedoch nicht allein um die Erfindung eines
Zwillings, sondern auch um den Verlust von Subjektivität durch die neuen Technologien
und die Massenmedien. In "Das Zauberglas" (1991) spricht er vor dem Fernseher
mit seinem medialen, weiblichen alter ego und verliebt sich in sie. Die Liebe bleibt
natürlich unerfüllt: sie verschwindet am Ende im Bilderschnee. In "No
Sunshine" (1997) verdoppelt er sich gleich als geschlechtsloses Zwillingspaar,
das an Playmobil-Figuren erinnert, zu einem nackten Zwil lingspaar im Hintergrund.
Die Szenen mit den vier geklonten Kreaturen spielen in einem uterusförmigen
Weltraum, in dem auch stachelige, rote Objekte kreisen. Mit kindlichem Gesang begleitet
wird der Versuch unternommen, beide Paare zu einer Person zu vereinigen. Doch eine
erhält plötzlich ihre Sexualität, sie verliebt sich in sich selbst
und wird zur "realen" Person. Die Videoinstallation "Again & Again"
(1998) deutet schon im Titel auf die stete Repetition seines Selbst hin. Melhus vielfache
Ich-Konstruktionen entstehen wie am Fließband, eingebettet in grüne Blätter
der virtuellen Natur und bekleidet mit der Unterwäsche wie Adam nach seinem
Apfelbiss. Seine fiktiven Multiples stehen hier wie auch in den anderen Filmen im
Dialog zueinander und können sich doch nie erreichen.
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Martin Liebscher, Future Land, 1997, Digitalfotografie.
Courtesy Galerie Voges & Deisen, Frankfurt
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| Martin Liebscher, Haftungsrisiken 2000, 1999, Digitalfotografie,
variable Größe |
Auch Martin Liebscher (geb. 1964) und Loretta Lux (geb.
1969) visualisieren ihre eigene Person als multiplizierte Selbstdarstellungen, Mehrlinge,
die mittels digitaler Bildtechnik erzeugt wurden. Ihre künstlerische Handlung
erscheint wie ein Narzissmus, der alptraumhafte Züge annimmt und zu heiteren
bis erschreckenden Visionen vom Kloning führt.
Im Gegensatz zu Wall und den Arbeiten von Vibeke
Tandberg (s.u.) tragen die immergleichen Personen bei Liebscher und Lux im jeweiligen
Bild die gleiche Kleidung, so, wie man es von Zwillingspaaren aus der Wirklichkeit
kennt.
Martin Liebscher tummelt sich innerhalb eines Raumes
im Dutzend auf seinen Panoramafotos, nimmt dabei aber unterschiedliche Haltungen
ein. Seit 1993 produziert er diese Fotos als Serie mit dem Titel "Familienbilder".
Der Single gesellt sich selbst hinzu und ist so, im Verbund der Familie - in der
alle Mitglieder nicht nur ähnlich, sondern identisch aussehen - nicht mehr allein.
Die Multiplizierung des Selbst ist nicht nur eine Aussage im Hinblick auf den Egozentrismus
und die Selbstironie, sondern auch eine Frage nach der eigenen Identität. Die
Verschiedenheit der Gesten und Haltungen geben dem Bild den dynamischen Bildaufbau
und narrativen Inhalt. Für sein "längstes Gruppenfoto der Welt",
auf dem er sich in 37 Meter Länge 205 Mal eingescannt hat, erhielt er den Eintrag
ins Guinness-Buch der Rekorde. Bei näherer Betrachtung der Bilder fällt
auf, dass Liebscher von allen Seiten und in verschiedenen Posen dargestellt ist,
doch nur selten haben seine geklonten Konterfeis einen direkten Bezug zueinander.
Es scheint, als würden sie nicht miteinander kommunizieren. So ist das Ich doch
ein Anderer, vielleicht sogar ein Fremder? "An die Stelle des
aufklärerischen Fichtschen 'Ich ungleich Nicht-Ich' setzt der Künstler
in seiner genüßlichen Identitätssuche ein redundantes 'Ich gleich
Ich und doch nicht gleich Ich'", resümiert Raimar Stange.7
Die Ungleichheit und Nicht-Identität des Selbst
thematisiert ebenfalls Vibeke Tandberg (geb. 1967) in ihrer Fotoserie "Living
Together" (1996), wenn auch auf ganz andere Weise. Tandberg multipliziert sich
nicht mehrfach, sondern stets als fiktiver Zwilling. Ihre Fotos erscheinen wie Erinnerungsfotos
und Schnappschüsse, die Bilder aus dem Leben greifen. Und doch sind es inszenierte
Bilder eines harmonischen Miteinanders von zwei Schwestern. Im Gegensatz zu Liebscher
und seinem weiblichen Pendant, Loretta Lux, macht das erfundene Zwillings paar von
Tandberg, das an Erich Kästners Buch "Das doppelte Lottchen" erinnert,
alles gemeinsam. Der Alltag wird miteinander geteilt, und alltägliche Verrichtungen
- wie Essen, Schlafen, Urlaub machen, Spazieren gehen und für ein Familienfoto
als Gruppe (mit einer anderen Person) posieren - werden gemeinsam vollzogen.
Die Leichtigkeit, die den Umgang der beiden Frauen
kennzeichnet, drückt zugleich eine Selbstverständlichkeit aus, die über
die fotografische Inszenierung und das geklonte Ich hinwegtäuschen. Tandbergs
Fotos wirken täuschend echt und sind doch Simulation. Als Ausgangspunkt
für Tandbergs Serie nennt der Autor Einar J. Børresen die Fotoserie von
Diane Arbus "Identical Twins, Roselle, N.J." von 1967.8 In
ihrem fiktiven Zwillingspaar, das sie auch in ihrem Film "Boxing" von 1998
darstellt, schafft Tandberg sich ein alter ego, um sich mit sich selbst auseinander
zu setzen.
1996 begann Christine Sommerfeldt eine Serie mit
dem Titel "En Face". In jedem dieser Bilder inszeniert sie die Begegnung
zwischen einer Person und ihrem Doppelgänger. Dabei wurde die Verdoppelung der
Figuren im Bild nicht digital, sondern mit dem klassischen Prinzip der Doppelbelichtung
in der Kamera erreicht. Mit einigen Motiven geht sie literarischen Vorlagen nach,
in denen der Doppelgänger thematisiert wird, insbesondere in der Literatur der
Romantik (so von E.T.A. Hoffmann oder Dostojewski), die durch das Motiv des Doppelgängers
innere Bewusstseinskonflikte und individuelle Identitätssuche thematisiert.
Entsprechend zum literarischen Vorbild herrscht in allen Bildern der Serie "En
Face" eine dunkle, zwielichtige Atmosphäre und eine merkwürdige Spannung,
die von den dargestellten Personen ausgeht. Die Doppelgänger stehen sich nicht
locker im Alltag gegenüber - wie bei Vibeke Tandberg zum Beispiel. Denn im Augenblick
der Begegnung mit ihrer geisterhaften Doppelerscheinung, wenn sie vor lauter Entsetzen,
Misstrauen oder Schrecken mitten in ihrer Handlung stehen bleiben, erhalten die Figuren
eine noch höhere psychologische Dichte. Die Twins scheinen sich nicht sehr nahe
zu sein, obwohl sie sich im gleichen Raum befinden. Daran ändert merkwürdigerweise
auch die narrative Klammer nichts, die die Inszenierung vorgibt. Sommerfeldts Zwillinge
wollen nicht gemeinsam erzählen oder eine gemeinsame Geschichte erleben, sondern
ihren inneren Zustand darstellen in der Begegnung mit ihrem zweiten Ich.
Oliver Husains (geb. 1969) episodenhaften Musical-Melodram
"Ron und Leo", 1999, handelt vom gleichnamigen Liebes- und Zwillingsbruderpaar
Ron und Leo und den verschiedenen Stationen ihrer Popkarriere-Krise, vom Erfolgseinbruch,
einer Sinnkrise und von den Versuchen einer künstlerischen Solokarriere. Die
rosafarbenen Plüschhasen, die an die heutige Plüschwelt und Cartoonwelt
erinnert, bewegen sich abwechselnd in realen und virtuellen, durch den Computer erzeugten
Räumen. Die Räume widersprechen der Erzählung: Die "Popstars"
bewegen sich nicht in einer Glamourwelt, sondern in einem funktionalen, öffentlichen,
alltäglichen Raum und einem künstlich erzeugten Raum. Virtualität
und Alltag vermischen sich auf seltsam skurrile Weise. Wie im echten Leben ist das
Popstar-Sein mehr eine Hilfe zur Identitätskonstruktion.
In Stefan Hoderleins Video "Multiple Jack"
von 1995/98 tanzt eine Gruppe von fünf bis sieben Menschen zur Psychodelic Trance-Musik
im schwarzen, undefinierten Raum neben- mit- und voreinander. Jede Person trägt
eine andere Kleidung, und doch ist es die gleiche Person. Wie der Titel bereits andeutet,
handelt es sich um einen vielfach multiplizierten Mann namens Jack. Jack, das ist
in dem Fall der Künstler selbst, der sich geklont hat. Er ist allein und tanzt
doch mit seinem Selbst in einer Gruppe. Ist es die Sehnsucht nach Gesellschaft in
der anonymisierten Lebenswelt oder ist es die Genügsamkeit, mit sich selbst
(und seinem multiplizierten Ich) Spaß zu haben? Beide Möglichkeiten sind
Ausdruck unserer heutigen Lebenssituation.
Die in Los Angeles lebende Künstlerin Lisa
Tan entwickelt nach ihren Performances Fotos, in denen sie ihre Person spiegelt.
Die zwei Lisas, so sagt sie, seien eine Art Verhör, um den Narzissmus und die
eigene Identität zu befragen, aber auch, in Verbindung mit dem Spiegel, um eine
positive Zukunftsdeutung und eine heterogene, unbestimmte Zukunft.
Diese Beispiele, die zumeist aus der digitalisierten
Foto- und Videokunst stammen, können unendlich fortgeführt werden. Die
Zwillings-Thematik, die von einigen Künstlern aufgegriffen, aber nicht immer
unmittelbar mit dem Klonen in Verbindung gebracht wurde, lässt sich zum Beispiel
bei Anna Gaskells Fotoserie "Alice im Wunderland", bei Vanessa Beecroft
oder Wendy McMurdo (siehe hierzu den Katalog der Ausstellung "unheimlich"
vom Fotomuseum Winterthur 1999) finden, aber auch im skulpturalen Bereich wie bei
Pia Stadtbäumer, bei Charles Rays "Oh! Charley, Charley, Charley..."
von 1992 oder auch bei Stefan Hablützels nahezu menschengroßer zweiteiliger
Wandskulptur "1962-1929" von 1995/96, die zwei verschieden gekleidete Männer
realistisch darstellt. Die gleichaltrigen und gleichförmigen Gesichter, nicht
zuletzt auch die ähnlich starre Haltung geben Aufschluss darüber, dass
es sich um Zwillinge handeln muss. Doch die unterschiedliche Handhaltung, die andere
Frisur und die verschiedenartige Kleidung - die beim rechten Mann stammt vermutlich
aus der Mode um 1929 - macht aus ihnen zwei unterschiedliche Typen. Gleich und doch
nicht gleich? Hier wird die Individualität der Zwillinge besonders betont.
Auch in der Literatur, im Theater und wiederum in
der Werbung findet dieses Thema Einlass. Mit dem Deutschen Jugendbuch 2000 ausgezeichnet
ist der aktuelle und beklemmende Roman "Blue Print" von Charlotte Kerner,
dessen zentrales Thema das Klonen und das Zwillingspaar Iris und Siri Sellin sind.
Im April 2001 lief im Braunschweiger LOT-Theater
die Performance "Dolly im Wunderland". Die Performance ist eine Koproduktion
mit dem Wiener Ensemble "toxic dreams", dessen Mitbegründer und Leiter
Yosi Wanunu ist. Dolly im Wonderland soll der Einzug der Performance in die wunderbare
Welt der Naturwissenschaft sein. Die totale Manipulation des (weiblichen) Körpers,
die medizinische Kampfmaschine gegen dessen Verfall, Fitness- und Schönheitsprogramme
lassen den Körper noch da sein. Methoden der Biotechnologie lassen ihn ganz
verschwinden - als Hülle des genetischen Informationspools, reproduktionstechnischer
Brutkasten für die perfekte genetische Konstruktion: der ideale Mensch zeigt
sich in zusammengesetzten Inforessourcen.
Ebenfalls im April 2001 (und in weiteren Monaten)
stellte Angie Hiesl ihr neues Projekt "Wie weiß ich, dass ich ich bin"
im Kölner Brückenkopf der Deutzer Brücke vor (s. auch KUNSTFORUM Bd.
157, S. 480). Hiesl hat diese einfühlsame Performance mit sechs eineiigen Zwillingen
durchgeführt, wobei sie die Regie geführt hat. Ihr ging es hierbei um die
Frage nach Spiegelbildlichkeit und Täuschungen, um die ganz eigene Zwillings-Erfahrung
des Doppelten. Gibt es überhaupt Abgrenzungen, und wie kann diese Abgrenzung
überhaupt gelingen angesichts eines Menschen, der genau gleich aussieht und
vielleicht sogar gleiche Neigungen und Interessen hat? Was ist Individualität,
und wer ist überhaupt wer? In der Performance wurde dies unter anderem durch
synchrones und asynchrones Verhalten geäußert. Hiesl, die selbst eines
von Drillingen ist, hat mit ihrem Stück verschiedene Verhaltensweisen aus dem
Leben von und mit Zwillingen gezeigt. Sie hat damit gerade in dieser Zeit auch dem
Publikum vermittelt, wie es sein könnte, einem geklonten Konterfei bzw. diesem
gar als Zwillings paar zu begegnen.
Der Herrenmodeausstatter Anson's hat im vergangenen
Jahr - ungefähr zeitgleich zur Debatte um das Klonen im Frühjahr 2001 -
eine erfolgreiche Werbekampagne gestartet mit einem Plakat und einer Postkarte. Beide
zeigen die Verdoppelung des Schlagersängers Heino. Der linke Heino ist so dargestellt,
wie man ihn kennt: mit Rolli, roter Jacke, singend und die Hände offen zum Publikum
haltend. Der rechte Heino erscheint mit seriösem Gesicht, im Anzug und mit Krawatte.
Er ist von Anson's eingekleidet worden. Oder vielleicht auch der linke? Wir alle
wissen, wie Heino aussieht, welches Markenzeichen er hat und dass er einzigartig
ist. Nun wissen wir auch, wie er aussehen könnte, welch andere Individualität
er einnehmen könnte, wenn er zu Anson's ginge. Zwei Heinos gleichzeitig in einer
Darstellung veranschaulichen die multiple und wandelbare Persönlichkeit als
Zwillingspaar. Zwischen jener Einheit und Vielheit und vor dem Hintergrund der neuen
Klongesellschaft müssen wir uns wohl von der Vorstellung eines singulärem
Selbst verabschieden - müssen wir das wirklich?
Alle diese Beispiele zeigen nicht nur die Beliebtheit
dieses Themas in der zeitgenössischen Kunst, sondern auch, dass die Gentechnologie
und damit die Frage nach der Identität auf vielfältige Weise auch in anderen
Sparten der Kultur und in der Werbung thematisiert wird. Gemeinsam ist den meisten
Arbeiten, dass die Künstler sich selbst in ihren bildnerischen Werken reproduzieren
und weniger andere Personen. Die Schnittstelle zwischen Informations- und Biotechnologie
wird virulent in der digitalen Bildmanipulation. Doch bereits vor der Geburt Dollys
und vor der Entwicklung bzw. künstlerischen Nutzung von Softwareprogrammen haben
Künstler die Visionen vom geklonten Menschen entwickelt. Zum Glück können
ihre Vorstellungen jedoch nicht Wirklichkeit werden. Ein Klon zu sein heißt
nur, dass das Erbgut, der sogenannte Genotyp der Individuen, identisch ist.
Doch noch nie hat es eine Fortpflanzung gegeben,
ohne dass das Erbgut zweier geschlechtsverschiedener Menschen zusammenkommen musste;
noch nie gab es außer gleichzeitig gezeugten und geborenen Mehrlingen einen
Menschen, der das gleiche Erbgut besitzt wie ein anderer Mensch. Denn ein Mensch,
der als Urbild für einen Klon steht, hat bei der Geburt des Klons bereits einen
gehörigen Altersvorsprung: Wenn ein Klon geboren wird, wenn der Vater 40 ist,
ist er 40, wenn der Vater schon 80 ist. Dadurch sehen beide Menschen sehr unterschiedlich
aus und nicht wie zwei gleichaltrige Zwillinge (wie das aussehen könnte, zeigt
eine aktuelle Werbung der Kreissparkasse Köln zur Rentenreform). Das Klonen
von Menschen ist zudem eine seltsame Form der Unsterblichkeit, es ist keine wirkliche,
sondern nur eine künstliche Unsterblichkeit, denn der Klon wäre nur eine
Kopie von einem selbst.
Genetisch identische Individuen (= Klone) können
also nie zeitgleich leben. Diese "beruhigende" Tatsache wird zu beunruhigenden
Bildvisionen von Künstlern, die damit der heutigen Problematik der Identität
nachgehen und zugleich die Gestaltung des Menschen, die (De-)komposition seines Körpers
thematisieren. Denn Identität ist nicht nur aufgrund von Pixeln in der Auflösung
begriffen. Unsere moralische und ethische Vorstellung von Identität hat sich
im digitalen Zeitalter sehr gewandelt. Davon handeln diese Bilder.
Anmerkungen
1.) Richard G. Seed in einem Interview in der Frankfurter Rundschau,
13.07.1998 (Nr. 159).
2.)
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass sogar das Wort "Klonen"
in Bedienungsanleitungen von Softwareprogrammen vorkommt, so z.B. bei Corel Draw.
Durch die Benutzung des Programms kann man gezeichnete Linien, sogenannte Parallelen
konstruieren durch Klonen. Dazu heißt es: "Das ist eigentlich nichts Neues
und war mit Duplizieren schon zu erreichen. Einen Unterschied werden Sie feststellen,
sobald Sie das Original durch Strecken, Stauchen, Drehen oder Schrägen verändern.
Im Gegensatz zu den duplizierten Objekten überträgt sich die Veränderung
wie von Geisterhand auf alle Klone. Hinweis: Von einem Klone können Sie keine
weiteren Klone erzeugen. Sie können wohl Klone duplizieren. Alle Duplikate erhalten
die Eigenschaft des Klone."
3.)
Diego Rivera zit. nach Hayden Herrera: Frida Kahlo. Die Gemälde, Frankfurt/Main,
Wien, München 1992, S. 72. Der Choreograph Johann Kresnik hat Frida Kahlos Biografie
mit seinem Tanztheater auf die Bühne gebracht und das Bild "Die zwei Fridas"
nachgestellt. Zu den zwei durch Kostümierung und Schminke gleich aussehenden
Tänzern gesellte er anschließend weitere Doubles mit dem Ziel, den Facettenreichtum
der Person Kahlos, ihre unterschiedlichen Lebensalter und zugleich ihre Ich-Spaltung
herauszukristallisieren. Mit seinem Kunstgriff der Multiplizierung bringt er ein
Vielfaches von zwei Fridas auf die Bühne. Kresnik, der mit Vorliebe Biografien
choreographiert (u.a. Ernst Jünger, Friedrich Nietzsche, Ulrike Meinhof), besetzt
immer wieder in seinen Stücken die dazustellende Person durch mehrere Tänzer,
um die Vielseitigkeit einer Person herauszuarbeiten und simultan darzustellen. Kresnik
erstellt mit dieser Methode zwar Zwillinge oder Mehrlinge, doch stellen sie im jeweiligen
Stück ein und dieselbe Person dar. Die Tänzer sind Repräsentanten
einer Person. Insofern hat dies nichts mit dem Gedanken des Klonen zu tun.
4.)
Keith Cottingham: Fictitious Portraits, in: Ausst.kat. "Fotografie nach der
Fotografie", Dresden, Basel 1995, S. 160.
5.)
Keith Cottingham, ebenda, S. 160 ff.
6.)
Kirsten Geisler, Virtual Beauties 1996-1999, Galerie Akinci, Amsterdam, Galerie Franck
& Schulte, Berlin, 1999, o.S.
7.)
Raimar Stange: Ich bin ich bin ich bin ich bin, ich - bin ich?, in: Ausst.kat. Martin
Liebscher: Familienbilder, Hamburg 1999, o.S. In diesem Katalog finden sich Hinweise
zu anderen, historischen Mehrlingsporträts wie z.B. Marcel Duchamps Fotografie
von 1917 "Marcel Duchamp Around a Table".
8.)
Einar J. Børresen, Ausst.kat. Vibeke Tandberg: Living Together, Rogaland Kunstmuseum
1996, S. 21 f. Vgl. hierzu auch Angela Wenzel: Vibeke Tandberg, in: Ausst.kat. Ich
ist etwas Anderes, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2000.
Dieser Text erschien erstmals in der Zeitschrift "Kunst und Kirche", Heft
1/2001, und er wurde für das KUNSTFORUM mit aktuellen Beispielen ergänzt.
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