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Taktiken
des Ego
Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Duisburg
136 Seiten, 21cm x 27cm.
Kerber Verlag 2003
ISBN 3-936646-12-0
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Gilles Barbier
Birgit Brenner
John Davies
Tracey Emin
Ludger Gerdes
Mathilde ter Heijne
Martin Liebscher
Mark Manders
Björn Melhus
Aernout Mik
Muntean/Rosenblum
Corinna Schnitt
Lorna Simpson
Ben Vautier
Bill Viola
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English
Version
Ich und die Anderen
Auf Liebschers Gruppenbildern, die er auch Familienbilder oder "Liebscher Welt"
nennt, ist nur der jeweils gleich gekleidete Künstler zu sehen, der sich wie
viele verhält. Die Arbeiten entstehen durch digitale Bearbeitung eingescannter
Fotografien, die Liebscher mit Selbstauslöser an ein und demselben Ort von sich
aufnimmt. Die Figuren sind nicht digital manipuliert, sondern es handelt sich um
Abbilder einer leibhaftig agierenden Person. Verwischte Bewegungsmotive verstärken
den Eindruck des Authentischen. Und Liebscher verschränkt bei den panoramabreiten
Arbeiten die verschiedenen Raumansichten digital derart, dass eine auf den ersten
Blick einheitliche Raumwirkung entsteht. Die Bilder sehen wie der Schnappschuss einer
Szene aus, geben sich durch die Wiederholung der gleichen Figur aber auch sofort
als Simulation zu erkennen. Liebscher hält das Verhältnis von Abbild und
Simulation perfekt in der Schwebe, und dieser ambivalente Realitätscharakter
des Sichtbaren formt auch die inhaltliche Dimension der Bilder.
Da er in den Titeln stets den Ort des Schauplatzes benennt, bürgt er für
dessen Realität. Aber er wählt zumeist unpersönliche Innenräume
wie sie sich auch an anderen Standorten befinden: für "Termingeschäft
Frankfurt" das vollgestopfte Büro der Computerbörse für Finanztermingeschäfte,
deren Sitz in Frankfurt eigentlich nicht relevant ist, ermöglicht sie doch standortunabhängige
Teilnahme am Handel. Nicht wenige Glücksritter benutzen sie als elektronisches,
virtuelles Spielcasino. In den aus Nahsicht erfassten Räumen kann der Betrachter
sich nicht leicht orientieren. Sein Blick wird nicht eindeutig gelenkt, springt eher
im Raum hin und her, so dass die Einheit des Raumes in der sukzessiven und diskontinuierlichen
Wahrnehmung ungewiss wird.
Dieser Spaltung der Wahrnehmung korrespondiert die Spaltung des Protagonisten, dessen
multipliziertes Auftreten nicht nur die scheinbare Gleichzeitigkeit des Bildgeschehens
aufhebt, sondern auch seine eigene Gegenwart in Frage stellt; denn wer allgegenwärtig
ist, ist nirgendwo wirklich. Während Liebscher als Star seiner Bilder hohe Medienpräsenz
erfährt, verschwindet er als Person in der uniformen Anonymität. Dagegen
gewinnen seine vielen Doppelgänger individuelle Konturen im simulierten Geschehenszusammenhang.
Die Figuren grenzen sich körperhaft und aktiv gegeneinander ab, treten in Beziehung,
drücken momentane innere Befindlichkeiten aus. Sie verhalten sich unterschiedlich,
aber austauschbar; denn da alle gleich sind, kann jeder auch der Andere sein. Sie
spielen dieselbe Rolle, deren zeitliches Nacheinander Liebscher in ein räumliches
Nebeneinander umwandelt. Wir sehen nicht eine Person, die zu verschiedenen Zeiten
verschieden agiert und doch identisch bleibt, sondern eine räumliche Situation,
in der alle gleich sind — und jeder steht neben sich. Es ist der situative Kontext,
der die Rolle vorgibt. Liebschers Marketmakers zum Beispiel sind angespannt
betriebsam, aggressiv bis zur Tätlichkeit, resigniert bis zum Suizid, alles
Folgen ihres Berufes. Wer im Termingeschäft ein gemachter
Mann werden will, setzt sich ständigem Zeitdruck und harter Konkurrenz aus,
gründet seine Existenz auf riskante Spekulation.1
Ist individuelles, selbst-bestimmtes Verhalten nur eine Fiktion, die an der Realität
scheitert? Wird der Versuch, die mögliche Vielfalt seiner eigenen Person zu
entdecken, mit dem Verlust der Identität bezahlt? Oder ist das Ich vielleicht
eine Konstruktion aus Realität und Fiktion, eine veränderliche, spekulative
Größe? Liebscher begibt sich in verschiedene Situationen, spiegelt sich
in verschiedenen Rollen, die häufig auch einen Bezug zum Künstlerdasein
haben, überformt sich immer wieder neu, ohne sich definitiv zu formulieren.
Er hält sich offen für neue Möglichkeiten. Insofern bedeuten seine
Bilder Selbstbefragung, Selbsterfahrung und Konstituierung eines möglichen Ich.
Da er nicht seine Innenwelt in den vielen Anderen ausbreitet, sich vielmehr zur Projektionsfläche
der Anderen macht, manifestiert sich seine Position als Künstler an der Grenze
von Innen- und Außenwelt. Indem er den prägenden Druck gesellschaftlicher
Konstellationen auf das Ich thematisiert, macht er die "Außenwelt als
Krisenschauplatz"1 des Ich sichtbar. Die multiplizierte "Liebscher Welt"
ist eine neue Visualisierung des traditionell sozial bestimmten Gruppenbildes.
Renate Heidt Heller
1 Reinhard Spieler, Einer — Keiner — Hunderttausend? Das multiplizierte
Individuum in der Kunst. In: Ich ist etwas Anderes — Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts,
Ausst. Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2000, S. 209 |
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